Eine Momentaufnahme aus der Vergangenheit...

Friedrichshafen-Fischbach, 18.9.51
Carl Kächele an das Finanzamt Friedrichshafen
Für
Ihre Beurteilungen meines Betriebes sowie als Erklärung dafür, dass am
Anfang die buchhalterischen Unterlagen noch nicht in allen Einzelheiten
völlig den Vorschriften entsprachen, halte ich es für zweckmässig,
Ihnen eine kurze Darstellung der Vorgeschichte und der Entwicklung des
Betriebes zu geben.
Als im Flugzeugbau tätig gewesener Ingenieur
stand ich bei Kriegsende vor dem Nichts. Das war zwar das Schicksal
Vieler. Während aber die im öffentlichen Dienst mit einer durch
Kriegswirtschaft bedingten Aufgabe Beschäftigten nicht arbeitslos
wurden, sondern in irgend einer Form übernommen wurden, befanden sich
die Angehörigen verbotener, zerstörter und demontierter Industrien in
einer ziemlich ausweglosen Situation. Mein Plan, mich selbstständig zu
machen, wurde durch die Notwendigkeit, eine neue Existenz zu schaffen,
diktiert und geht bis auf jene Zeit zurück.
Im Jahre 1946 konnte
ich die Baracke kaufen und in den Jahren 1947 und 1948 allmählich
fertig stellen. Im Frühjahr 1948 kam die Verbindung mit der
Elektro-Gesellschaft Berlin (Elvak) zustande, die wegen der Blockade
von Berlin eine Niederlassung im Bundesgebiet gründen wollte. Es war an
eine Neugründung unter meiner Beteiligung gedacht, für welche ich im
Mai 1948 die Genehmigung durch das Wirtschaftsministerium in Tübingen
erhielt. Die Währungsumstellung machte dieses Vorhaben zunichte. Da es
in der Folgezeit nicht abzusehen war, ob und in welcher Form eine
Zusammenarbeit mit der Elvak noch möglich sein werde, bemühte ich mich
um eine anderweitige Beschäftigung. Im Juli – August 48 war ich beim
Centre Reparation Auto Süd (CRAS) beschäftigt, formell beim
Bauunternehmen Hecht eingestellt. Im Anschluss daran versuchte ich den
Vertrieb von Fasshahnen, die mir ein persönlicher Freund, Herr Rau,
Inhaber der Firma Haussmann und Co in Urach zur Verfügung stellte.
Dieser Versuch scheiterte an der den Ansprüchen nicht mehr genügend
Qualität der Hahnen.
Inzwischen hatte Elvak mit der Stadt Bruchsal,
die in einer Kaserne Fabrikationsräume zur Verfügung stellte, einen
Mietvertrag abgeschlossen. Durch weitgehende Zugeständnisse gelang es
mir, die Elvak zum Verzicht auf das Bruchsaler Projekt zu bewegen und
die Eröffnung des Zweigbetriebes in Fischbach durchzusetzen. Die
Zugeständnisse bestanden hauptsächlich im Verzicht auf Miete für die
Räume in der Baracke, sowie auf Gehalt für die Monate Oktober –
Dezember 1948. Für diese Zeit erhielt ich lediglich eine
Aufwandsentschädigung, da ich zum Besuch medizinischer Fachgeschäfte in
Tübingen, Mannheim, Stuttgart, Heidelberg, Freiburg, Karlsruhe,
Frankfurt, München, Ulm und an vielen kleinen Orten Verkaufsreisen
machen musste. Ab Januar 1949 bezog ich Gehalt. Da die von Elvak
erzeugten Höhensonnen einen ausgesprochenen Saisonartikel darstellen,
suchte ich nach einem Auffüllprogramm, um den Fischbacher Betrieb
krisenfester zu machen. Ich glaubte, dieses in der galvanischen und
chemischen Behandlung metallischer Oberflächen gefunden zu haben. Da
die Auswirkung der Berliner Blockade es der Elvak unmöglich machte, in
Fischbach Barmittel zu investieren, war dieses Vorhaben nicht
realisierbar. Der Einsatz meiner geringen eigenen Mittel zu diesem
Zweck im Rahmen der Elvak erschien mir im Hinblick auf die allgemeine
Lage in Berlin für riskant. So kam es zur Trennung von der Elvak und
zum Start eines Betriebes zur Behandlung metallischer Oberflächen in
meinem eigenen Namen.
Auch bezüglich des neuen Betriebes war ich mir
von Anfang an klar, dass mit grossen Schwierigkeiten zu rechnen war.
Das vorläufige Fehlen einer einschlägigen Industrie in Friedrichshafen,
der Mangel an als Kunden in Betracht kommenden Betrieben in näherer
Umgebung überhaupt, ferner das Fehlen von Fachkräften erschwerten den
Anlauf ungemein. Ich stützte mich zunächst auf Polieraufträge der Firma
Gustav Magenwirth, Urach, deren Inhaber mir von früher bekannt ist. Bei
der Abwicklung dieser Aufträge wurden Schleifer und Polierer angelernt
und es lag auf der Hand, dass die ersten Monate bedeutende Verluste
bringen würden. Die Bilanz per 31.12.49 bestätigt dies. Zurückblickend
erkennt man, dass das Vorhaben nur gelang, weil die Privatentnahmen in
jener Zeit auf das Allerwenigste beschränkt wurden...
